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Stadtporträt

100 Jahre Stadtrechte

Am 1. April 1926 war es soweit: Nach langem Engagement und beharrlichem Einsatz erhielt Oerlinghausen die Stadtrechte – ein Meilenstein in der Geschichte unserer Stadt. Dieses besondere Datum jährt sich nun das 100ste Mal und bietet Anlass für besondere Aktionen, die Oerlinghausen Marketing im Auftrag der Stadt organisiert. Das Jubiläum feiern wir in diesem Jahr mit ausgewählten Projekten. Ganz im Sinne der Lipper: klein, aber fein. Freuen Sie sich auf „100 Jahre. 100 Geschichten. Eine Bergstadt“.

Aktionen im Jubiläumsjahr

Plakat 100 Jahre Stadtrechte

Geschichtlicher Hintergrund 

Oerlinghausen und das Ringen um die Stadtrechte
Ein kurzer Überblick - von Jürgen Hartmann, Dezember 2025

Im November 1874 sinnierte ein unbekannter Schreiber in der Zeitung „Der Wächter“, das war das auch in Oerlinghausen viel gelesene Blatt der Bielefelder Liberalen, über den Westen des Fürstentums Lippe:
„Noch bevölkerter [als Schötmar] ist das Dorf Oerlinghausen am Tönsberge, Residenz der Justiz- und Verwaltungsbeamten des Amtes Oerlinghausen. Dasselbe verdiente allein seiner Größe wegen schon den Namen Stadt und ich will hoffen, dass ihm diese Eigenschaft bald beigelegt wird.“

Das jedoch sollte noch mehr als ein halbes Jahrhundert dauern. Eine lange Zeitspanne, in denen die stolzen Oerlinghauser beinahe nichts unversucht ließen, diesem Ziel näher zu kommen. Der erste Versuch ist bisher unbekannt geblieben. Er stammt aus dem Herbst 1871. Die Zeit schien nach der Gründung des Deutschen Reiches günstig. Die deutsche Gesellschaft befand sich in Aufbruchstimmung und hoffte, sich aus den hergebrachten starren Fesseln der Vielstaatlichkeit lösen zu können.
Das Dorf oder die Dorfschaft Oerlinghausen gehörte seit den 1840er Jahren zu einem wirtschaftlich aufstrebenden Flecken. Der Leinenhandel, die Leinenfabrikation, die Tabakindustrie - das waren die drei Grundpfeiler des Aufschwungs. Die Bevölkerung wuchs entsprechend kontinuierlich an. Als Dorf aber war Oerlinghausen weitgehend unselbstständig. Es gehörte der Amtsgemeinde Oerlinghausen an, die wiederum dem Amt in Schötmar unterstellt war. Die anderen Ortschaften der Amtsgemeinde waren im Gegensatz zu Oerlinghausen landwirtschaftlich geprägt. Vor allem waren sie wirtschaftlich wesentlich schwächer. Im Amtsgemeinderat jedoch fielen die wichtigen Entscheidungen über die Infrastruktur, vor allem über den Straßenbau und -erhalt. Von der Anzahl der Stimmen war Oerlinghausen dort unterlegen, was bedeutete: Die Steuereinnahmen aus dem Dorf kamen in nicht geringem Maße anderen Orten zugute, während wichtige Oerlinghauser Projekte aufgeschoben wurden. Hoheitliche Aufgaben wie die Polizei waren beim Amt Schötmar angesiedelt, quasi der Vertretung der Fürstlichen Regierung.

Rund 30 bekannte Oerlinghauser Bürger, darunter zahlreiche Geschäftsleute, ließen im Oktober 1871 eine von ihnen unterzeichnete Petition über ihren Ortsvorsteher Buckup an die Fürstliche Regierung weiterleiten. Sie forderten die Verleihung städtischer Rechte. In der Eingabe hieß es unter anderem:
Die Bevölkerung Oerlinghausens wünscht den Austritt aus der Amtsgemeinde und die eigenständige Verwendung der Steuerkraft.
„Die Interessen der Dorfschaft Oerlinghausen sind verschieden von den übrigen Teilen der Gemeinde. Oerlinghausen ist nur dem Namen nach eine Bauerschaft, faktisch aber ein Gewerbeort. … Die Ausgaben der Amtsgemeinde wachsen stetig, der Nutzen für Oerlinghausen ist jedoch minimal.“

Der Antrag forderte die Erhebung des Dorfes Oerlinghausen zu einem Flecken mit städtischen Rechten. Es sollte unter der Jurisdiktion des Amtes Oerlinghausen verbleiben und man wollte auf eine Vertretung im Landtag verzichten.
Das war der erste Schritt im Ringen um die Stadtwerdung, vor allem um mehr Selbstständigkeit. Tatsächlich gab es in jener Zeit quasi Städte 1. und 2. Ordnung. Der nahegelegene Flecken Lage erhielt beispielsweise 1791 städtische Rechte, wurde aber erst 1843 zur Stadt erhoben.
Es folgten weitere ähnliche Versuche in den Jahren 1888, 1889, 1893/94, 1895/96 und 1899. Dazwischen unternahmen Oerlinghauser Politiker immer wieder kleinere Vorstöße oder führten Gespräche mit Beamten und Landtagsabgeordneten.
Im Frühjahr 1889 eskalierte wieder einmal ein Streit um die Kosten von Neubau und Unterhalt der Gemeindestraßen im Amtsgemeinderat. Die Oerlinghauser zeigten sich angesäuert, fühlten sich nicht ernst genommen. Der liberale „Wächter“ brachte es wie folgt auf den Punkt:
„… die Staatsregierung werde sich auf Dauer der Einsicht nicht verschließen [können], dass es ein Fehler sein würde, einem volk- und gewerbereichen Ort wie Oerlinghausen länger das Recht vorzuenthalten, seine Angelegenheiten selbständig zu verwalten. Sind doch in Lippe mehrere Städte von weit geringerer Einwohnerzahl und fast ohne Gewerbebetrieb. Warum soll Oerlinghausen zurückstehen?“

Später immer wieder kursierende Gerüchte machten für das Versagen der Rechte politische Gründe aus. Oerlinghausen wäre ein Ort mit besonders starker linksliberaler Einwohnerschaft, was dem Fürsten mißfiele. Dass dann ab 1890 die Sozialdemokratie die Linksliberalen in dieser Rolle ablöste, habe die Angelegenheit nicht vereinfacht. Der Fürst sei überhaupt nur einmal im Dorf zu einem Kurzbesuch gewesen …

Im Dezember 1889 meldete die Presse, dass immer noch keine Antwort aus Detmold eingegangen sei. Die Sympathien und das Verständnis der meisten Zeitungen lagen auf Seiten der Oerlinghauser. So schrieb ein Blatt:
„Wir wollen hier einschalten, dass es der sehnlichste Wunsch aller Bewohner Oerlinghausens ist, eine wohlgeordnete städtische Verfassung zu erhalten und dieses Verlangen ist nur zu berechtigt, denn der jetzige Zustand, in welchem ein so großes Gemeinwesen von über 2.000 Seelen mit gut entwickelter Industrie von einem 14-15 Kilometer entfernten Ort aus verwaltet wird, ist doch unhaltbar!“

Die Diskussionen im Landtag liefen aus Sicht der Oerlinghauser Einwohner realitätsfern ab. Nationalliberale und Liberale plädierten weitgehend für die Stadtrechte, einige Nationlaliberale und vor allem die Konservativen dagegen. Der Führer der Konservativen Partei, Wilhelm Schemmel, argumentierte, die Stadtrechte für Oerlinghausen und womöglich noch für Schötmar, Bösingfeld und Varenholz würden eine zu hohe Arbeitsbelastung für die Fürstlich-Lippische Regierung bedeuten. Dem widersprachen zwar andere Abgeordnete, aber die Abgeordneten vor allem der Wählerklasse 1und teilweise der Klasse 2 wiesen das Ansinnen der Oerlinghauser ab.

Gegen Ende des Jahres 1895 kam es zu einem erneuten Vorstoß. Im Amtsgemeinderat war es wieder einmal zu heftigen Differenzen gekommen. Anträge der Dorfgemeinde Oerlinghausen auf Zuschüsse zur Unterhaltung und Erneuerung des Straßenpflasters waren mehrheitlich abgelehnt worden. Und wieder einmal hatten die Oerlinghauser vorgerechnet, wie viel günstiger eine Selbstständigkeit für die Entwicklung des Ortes wäre. Mittlerweile weise das Dorf zudem 2.300 Einwohner auf. Lage habe 1843 bedeutend weniger gehabt, als es die Stadtrechte erhielt. Dennoch: Auch dieses Gesuch wurde im Juli 1896 von der Regierung abschlägig beschieden.

Einen weitgehend ehrenamtlich tätigen Ortsvorsteher zu finden, fiel in jener Zeit immer schwerer. Allein aufgrund der hohen Einwohnerzahl und der vielen Gewerbebetriebe bedeutete dieses Amt einen immensen Zeitaufwand. 1898 wies der Dorfgemeindeausschuss auf dieses Dilemma hin und betonte, dass man sich durchaus einen besoldeten Ortsvorsteher leisten könnte, wenn nicht so viele Mittel durch den Amtsgemeindeverband gebunden würden. Aber auch diese Argumentation verfing nicht.

Einige Änderungen in der Gemeindeordnung machten es später möglich, Ortsvorsteher zu vergüten und Beigeordnete zu ernennen. So geschah es denn auch in Oerlinghausen ab 1907. Das Dorf war zu jener Zeit ein boomender Ort. Die Wirtschaft wuchs enorm, was sich erkennbar im Ortsbild widerspiegelte. 1902 begann man mit der Elektrifizierung. Und bereits in diesem Jahr konnten die Politiker stolz auf eine moderne Straßenbeleuchtung blicken wie sie kein anderer Ort in Lippe hatte.

Anträge Oerlinghausens auf Stadtrechte sind aus dieser Zeit nicht bekannt. Dahinter steckte vielleicht der gekränkte Stolz, vielleicht aber hoffte man auch einfach darauf, dass die Regierung in Detmold endlich ein Einsehen hatte. Vielleicht aber ließ auch der über zehn Jahre dauernde lippische Thronfolgestreit (1895-1905) das Thema in den Hintergrund rücken. Das Selbstbewusstsein der Oerlinghauser Bevölkerung litt darunter jedenfalls nicht. Im Gegenteil: Man war sich seiner Stärken sehr wohl bewusst.

Anschließend sog der große Weltkrieg sämtliche Kräfte und Energien auf. Die Stadtrechte standen zu dieser Zeit daher nicht im Fokus. Nach der demokratischen Revolution vom November 1918 galt es anfangs, existenziellere Fragen und Probleme zu klären. Das Dorf erwies sich in eindrucksvoller Form als eine Hochburg des demokratischen Gedankens. 88 Prozent der Bürger - und erstmals der Bürgerinnen - stimmten in den ersten Wahlen für die SPD und die DDP. Ein klareres Bekenntnis zur Republik konnte es damals wohl kaum geben. Erst nach einigen Jahren rückte das Anliegen Stadtrechte wieder auf die Tagesordnung.

Im Laufe des Jahres 1925 arbeiteten Beamte der Lippischen Landesregierung an einem Gesetzentwurf zur Verleihung der Stadtrechte. Dieser war inhaltlich zwar kurz gehalten, bedurfte aber der Stellungnahmen verschiedener politischer Gremien und der Gemeindeverbände. Als er im Dezember dem Amtsgemeinderat Schötmar vorgelegt wurde, war das Statement eindeutig, wie eine Zeitung zu berichten wusste: „Eine Minderheit stimmte positiv für die Stadtwerdung.“ Die Mehrheit zeigte sich ablehnend, verzichtete jedoch auf eine offizielle Stellungnahme.

Das Landespräsidium unter dem Sozialdemokraten Heinrich Drake legte den Entwurf schließlich befürwortend dem Landtag zur abschließenden Entscheidung vor. Am 21. April 1926 entschieden die 21 Abgeordneten einstimmig für die Verleihung der Stadtrechte an Oerlinghausen. Das Gesetz wurde am 27. April verkündet. Oerlinghausen durfte sich damit rückwirkend ab 1. April als Stadt bezeichnen. Als die Entscheidung im Ort bekannt wurde, donnerten 15 Böllerschüsse vom Tönsberg.

Die Situation hatte sich jedoch in den vergangenen fünf Jahrzehnten deutlich verändert. Immer noch war Oerlinghausen wirtschaftlich gut aufgestellt. Aber die Vorzeichen waren andere. Zwei große Probleme, die sich in den Folgejahren weiter auswachsen sollten, deuteten die zukünftige Notlage an. Es handelte sich um die wachsende Erwerbslosigkeit und den immer drängender werdenden Wohnungsmangel. Im Gegensatz zu Kleingemeinden besaßen Städte allerdings mehr Spielräume, selbständige Entscheidungen zu treffen.

Der Festakt und die Feierlichkeiten zur Stadtwerdung fanden am Samstag, den 12. Juni 1926, statt. Bis dahin wurde ein neues Stadtwappen und eine Stadtfahne entworfen. Letztere wurde vom Verkehrs- und Verschönerungsverein gestiftet. Sie wehte am Fest-Wochenende vom Windmühlenstumpf auf dem Tönsberg. Die Straßen der jungen Stadt waren geschmückt. Oerlinghausen hatte ein „festliches Kleid“ angelegt. Das Geschäft Paradies am Simonsplatz war in den neuen Stadtfarben dekoriert und sorgte damit für Aufsehen.
Zum Festakt am Vormittag waren das Landespräsidium mit Heinrich Drake, die Landtagsabgeordneten, Vertreter der lippischen Städte und Gemeinden und andere Offizielle erschienen. Als erster Redner trat der Bürgermeister August Reuter ans Podium. Er verwies auf die vielen, vielen Versuche der Bürger in den vergangenen Jahrzehnten und auf die Beharrlichkeit und Zähigkeit, mit der dieses Ziel verfolgt wurde. Nun seien die Bemühungen endlich von Erfolg gekrönt worden und Oerlinghausen in Lippe die zehnte Stadt im Bunde. Landesvater Heinrich Drake freute sich mit den Bürgerinnen und Bürgern. Er verwies auf die Einstimmigkeit des Landtagsbeschlusses. Zugleich aber warnte er vor politischer Zerissenheit. Für die neue Stadt sah er eine gute Zukunft, denn Oerlinghausen sei „die Stadt der Arbeit“.

Alle Gäste durften sich zum Abschluss in das neue Goldene Buch der Stadt eintragen. Dieses war vom Landtagsabgeordneten und Gemeinderatsvorsitzenden Richard Müller und Fritz Blume gestiftet worden.
Die Phase einer selbständigen Stadt ging mit der „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten bereits 1933 vorüber. Freie Wahlen und Parteien wurden abgeschafft. Mit einer neuen Gemeindeordnung wurden die Kommunen 1935 letztlich komplett zu untergeordneten Gliedern des NS-Staates.

Urkunde über Stadtrechte
altes Bild vom Rathaus Oerlinghausen 1923
Zeitungsausschnitt Stadtrechte Begruessung
Rathaus im Stadthotel
Logo 100 Jahre Stadtrechte Bergstadt Oerlinghausen

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